Etwas was das vielen unter Linux fehlt, sind Programme wie Adobe Photoshop, Lightroom oder Microsoft Word und Excel. Diese Woche hat Artcraft von sich reden gemacht, indem es mit Vibe-Coding erstellte, kostenlose Open-Source-Klone zu eben diesen Anwendungen veröffentlicht hat.
Während jedes einzelne dieser Programme schon bemerkenswert wäre, zeigt die Tatsache, dass in kürzester Zeit so viele professionell aussehende Tools entstanden sind, was Vibe-Coding leisten kann. Bei den vorgestellten Anwendungen handelt es sich um native, in Rust geschriebene Apps.

Soweit ich weiß, können die Programme noch nicht mit ihren kommerziellen, über Jahre verfeinerten Gegenstücken mithalten. Auch fehlen noch viele Funktionen. Aber nutzlos sind sie keineswegs. Bei einem ersten kurzen Test von Photocraft waren alle Werkzeuge verwendbar. Eine unter Windows erstellte PSD-Datei samt vieler Effekte und Ebenen konnte das Programm problemlos öffnen. Gimp dagegen beklagte beim Öffnen derselben Datei mehrere fehlende Funktionen und zeigte ein Bild ohne Effekte, das völlig anders aussah.
Weitere Apps aus dem Artcraft-Fundus muss ich erst noch ausprobieren. Nur Filmcraft interessiert mich nicht sonderlich, denn ich bin mit dem Videoschnitt mit DaVinci Resolve Studio sehr zufrieden und jede Menge KI-Funktionen sind hier ebenfalls integriert.
Warum hat also jemand Berge an Token investiert, um so viele Open-Source-Apps auf einmal zu bauen? Womöglich um genau diese Art von Hype zu erzeugen. Soweit ich das auf der Website sehe, besteht Artcrafts Geschäftsmodell darin, KI-Tools im Browser samt der dafür nötigen Token im Abo anzubieten. Und vermutlich ist es gerade nicht so einfach, Aufmerksamkeit für solche Produkte zu erhaschen.
Artcraft & Photocraft ausprobieren
Um die Artcraft-Apps zu installieren, lade ich zunächst den Launcher von getartcraft.com/apps herunter, der die installierten Anwendungen auch aktualisieren können soll. Das ist in diesem Fall besonders wichtig, denn es erscheinen häufig neue Versionen, die mehr oder bessere Funktionen und Bugfixes bringen. Allein diese Woche gab es drei Updates.
Den Launcher gibt’s für Linux als Flatpak, AppImage, DEB-, RPM- und tar.gz-Paket. Ich lade das Flatpak herunter (das ist der vorgesehene Standardweg), wechsle mit cd ~/Downloads/artcraft in das von mir gewählte Downloadverzeichnis und installiere es mit

flatpak --user install
Anschließend kann ich den Artcraft-Launcher mit dem Programmstarter der DankMaterialShell oder über das Anwendungsmenü mit einer Suche nach „Art“ starten.

Nun kann ich per Klick auf „Installieren“ weitere Apps herunterladen. Ich wähle in diesem Fall Photocraft, das dann ebenfalls als Flatpak eingerichtet wird – aktuell in Version 0.9.0. Die Schaltfläche von eben wird zu „Öffnen“, womit ich das Programm direkt starte.

Photocraft statt Photoshop
Ich kenne aktuelle Photoshop-Versionen kaum, wenn ich allerdings einen Chatbot frage, wie ich bestimmte Arbeitsschritte in Photoshop erledige, kann ich die ähnlich in Photocraft nachvollziehen. Also zum Beispiel über „Auswahl/Himmel“ den Himmel auswählen, um ihn farblich nachzubearbeiten. Das hat prinzipiell funktioniert, war aber bei weitem nicht perfekt.
Ganz identisch sind die Menüpunkte offenbar nicht immer, doch im Test konnte ich das Gewünschte so in der Regel finden. Doch selbst bei meinem kurzen Test würde ich sagen, dass das Tool vom professionellen Produktivbetrieb noch weit entfernt ist. Für den Heimgebrauch aber durchaus einen Test wert.
Fazit
Taugt Photocraft als Ersatz für Photoshop? Bisher eher nicht, laut meinem heise-Kollegen fehlt noch so einiges. Unter Linux stellt sich aber gar nicht die Frage, ob das Original-Photoshop von Adobe besser ist als Photocraft, weil es ersteres schlicht nicht für Linux gibt.
Meine bisherige Bild- und Fotobearbeitung erledige ich meist mit Gimp, manchmal mit Digikam, Darktable oder RawTherapee. Auch die Fotobearbeitung mit DaVinci Resolve habe ich schon ausprobiert. Zuschnitt und ähnliches mache ich direkt mit dem Bildbetrachter Gthumb. Die Programmoberfläche von Photocraft ist schon jetzt schöner als die von Gimp, wichtiger sind mir allerdings die Funktionen. Und auch ich wünsche mir, in einer Bildbearbeitung schnell Personen freistellen, den Hintergrund austauschen oder den Himmel bearbeiten zu können. Und zwar ohne viel Gefummel. Das ist in Gimp noch nicht allzu komfortabel. Photocraft ist deshalb auf jeden Fall eine spannende Alternative zu Gimp & Co., die es lohnt im Auge zu behalten.

Schreibe den ersten Kommentar